02. September 2008

Browser Wars 2.0

Die Sil­ber­rü­cken unter uns wer­den sich viel­leicht dun­kel erin­nern:
Irgend­wann Ende der 90er wurde der Quasi-Standard unter den Web­brow­sern — der Net­scape Navi­ga­tor — fast über Nacht von Micro­softs Ant­wort Inter­net Explo­rer aus dem Markt gefegt. Frei­lich wurde hier von Sei­ten Micro­softs nicht immer mit Wat­te­bäusch­chen gewor­fen — mög­lichst hohe Hür­den für alter­na­tive Brows­er­her­stel­ler wur­den auf­ge­stellt, gleich­zei­tig aber auch der eigene Brow­ser wei­ter­ent­wi­ckelt, und so hielt sich die­ser auch bis heute trotz erst­zu­neh­men­der Kon­kur­renz bei etwa ¾ Markt­an­teil. Der Dis­put ging als “Brow­ser­krieg” in die Anna­len ein.

Und so ist es auch nur logisch, daß nach der mei­ner Mei­nung nach gelun­ge­nen Ver­sion 3 des größ­ten Wett­be­wer­bers Mozilla Fire­fox mit ca. 20% Markt­an­teil, Ende des Jah­res der IE 8 erschei­nen soll.
Neu in die­ser Ver­sion soll u. A. der soge­nannte “InPrivate-Browsing-Modus” sein, einer Art Datenschutz-Modus, in dem kein Ver­lauf und keine Coo­kies gespei­chert wer­den sol­len. In Sachen Daten­schutz natür­lich eine tolle Sache, da muss sogar ich zustim­men. Für Daten­krake Google aller­dings ein Schlag ins Gesicht.
Auch Online Mar­ke­ter wird diese Neue­rung vor mas­sive Pro­bleme stel­len. So sind die aller­meis­ten Tracking-Systeme, die die Grund­lage von Maß­nah­men­steue­rung und –mes­sung, und letzt­lich auch der Abrech­nung bil­den, haupt­säch­lich Cookie-basiert. Ins­be­son­dere performance-orientierten Berei­chen wie dem Affiliate-Marketing wird diese Neue­rung Bauch­schmer­zen berei­ten. Alter­na­tive Tracking-Lösungen sind gefragt, Mar­kus nennt hier bei­spiels­weise Tech­ni­ken wie Flash-Cookies oder Local Shared Objects.
Zwar wird es wohl auch im “InPrivate-Browsing-Modus” Session-Cookies geben, so daß zumin­dest direkte Con­ver­si­ons wei­ter­hin gemes­sen wer­den kön­nen, sämt­li­che Post-Orders jedoch wer­den nicht mehr zuge­ord­net wer­den kön­nen, je nach Bran­che ist deren Anteil auch nicht uner­heb­lich. Wo kein Coo­kie jedoch, da keine Ver­gü­tung. Mer­chants wer­den die­sen Umstand künf­tig wohl auch bei ihrer Kon­di­ti­ons­ge­stal­tung berück­sich­ti­gen, Affi­lia­tes ihre Aus­rich­tung ent­spre­chen anpas­sen müssen.

Doch das Google-Imperium schlägt zurück. Viel­leicht nicht unbe­dingt als direkte Ant­wort auf den Inter­net Explo­rer 8, viel­mehr in Form eines Angriffs auf Micro­soft an allen Fron­ten, selbst auf ihren bis­lang kaum erschüt­ter­li­chen Kern­be­reich — Win­dows. “Aus Ver­se­hen” erreichte Blo­go­scoped ges­tern eine Mail von Google mit einem Comic der ein Pro­dukt names “Google Chrome” vor­stellt — den Google Brow­ser!
Die Gerüch­te­kü­che bro­delte frei­lich schon län­ger dahin­ge­hend, und wer Googles All­machts­an­spruch kennt, weiß daß der Sup­port für den Fire­fox nur eine Zwi­schen­lö­sung gewe­sen sein konnte. So fiel ich allein ob der Mel­dung nicht direkt vom Hocker, viel inter­es­san­ter finde ich die vor­ge­stellte Archi­tek­tur des Brow­sers:
Neben den für Brow­sern heute übli­chen Sicher­heits– und Usability-Funktionalitäten läuft jedes Tab in einem eige­nen Pro­zess, auch Java­Script wurde grund­le­gend über­ar­bei­tet und erhielt eine eigene Vir­tual Machine genannt “V8”. Bei­des ermög­licht unge­kannte Sta­bi­li­tät und hohe Aus­füh­rungs­ge­schwin­dig­keit auch bei sehr kom­ple­xen Ajax-Anwendungen, wie sie bei­spiels­weise in Google Docs — der Ant­wort auf Micro­soft Office — und etli­chen ande­ren Google-Diensten zum Zuge kom­men. Zusam­men mit Breitband-Internetanschlüssen ermög­licht Google Chrome damit künf­tig völ­lig platt­for­mu­n­ab­hän­gige Soft­ware. Egal ob auf dem hei­mi­schen Windows-Notebook, dem Linux-Rechner im Büro oder unter­wegs mit dem Google-Android-Handy — über­all die­selbe Ober­flä­che, die­selbe Soft­ware, die­sel­ben Daten. Ver­füg­bar­keit jeder­zeit und über­all, ein schlan­kes Betriebs­sys­tem und Google Chrome wür­den genü­gen. Die Ziel­rich­tung ist klar: Micro­soft auch hier das Was­ser abgra­ben und gleich­zei­tig noch mehr User-Daten sam­meln. Ein für mich bis­lang wich­ti­ger Punkt für ein Windows-Betriebssystem war immer der, daß viel Standard-Software eben nur auf Microsoft-Rechnern läuft. Habe ich das alles online zur Ver­fü­gung wäre es mir so ziem­lich wurscht ob ich mir Win­dows, Linux oder MacOS auf die Platte spiele. Frei­lich wer­den große und kom­plexe Anwen­dun­gen wie Pho­to­shop längst nicht so ohne Wei­te­res rein online­ba­siert lau­fen, zudem müss­ten auch die Her­stel­ler von die­ser Dis­tri­bu­ti­ons­mög­lich­keit erst noch über­zeugt wer­den, die tech­ni­schen Grund­la­gen sind mit Google Chrome aber geschaf­fen. Da es Open­Source ist, wer­den sich auch schnell Ent­wick­ler fin­den, die ent­spre­chende Tools dafür ent­wi­ckeln wer­den, Reich­wei­ten und Markt­macht von Google wer­den ihr Übri­ges tun.

Was dann noch fehlt, ist die Google-Online-Festplatte, wie bei Android und Chrome bro­delt jedoch auch hier die Gerüch­te­kü­che in Rich­tung eines GDrive schon seit Län­ge­rem. Ich würde dar­auf wet­ten, daß es nicht mehr allzu lange dau­ert, bis wir auch hier einen wei­te­ren Schritt in Rich­tung Online-Betriebssystem und einem Google-für-alles-ausser-Sex erwar­ten dürfen.

So befürchte ich, daß auch ich mir heute Abend gg. 21 Uhr MESZ den neuen Google-Browser hier her­un­ter­la­den werde. Leider.

Popu­la­rity: 3%

2 Kommentare

1. Florian schrieb am 03. September 2008 um 18:57

Rich­tungs­wei­sende Tech­no­lo­gie hin, Beden­ken um die von Google betrie­bene Daten­samm­lung her, ich denke nicht, daß es Google gelin­gen wird sich mit Chrome signi­fi­kante Markt­an­teile zu sichern.

Die neuen Mög­lich­kei­ten über­zeu­gen, nur nach dem Blick in die Sta­tis­tik, über 40% benut­zen immer noch den IE6 und ins­ge­samt nut­zen um die 80% einen Brow­ser von Micro­soft, zweifle ich an der Wech­sel­wil­lig­keit der brei­ten Masse. Selbst Fire­fox tut sich außer­halb Deutsch­lands noch rela­tiv schwer, da wird meist genutzt was vor­in­stal­liert ist, fertig.

Im Gegen­satz zu YouTube, das nach mäßi­gem Erfolg von Google Video auf­ge­kauft wurde, bie­tet sich hier für Google nicht die Mög­lich­keit ein­fach die Kon­kur­renz zu kau­fen wenn die Eigen­tent­wick­lung nicht wie erwar­tet zün­det. Aber span­nend wird es auch jeden Fall trotzdem…

2. kralle schrieb am 03. September 2008 um 21:06

Flo­rian, bedingt stimme ich dir da sicher­lich zu. Der Gewinn an Markt­an­tei­len wird zunächst zulas­ten von Fire­fox, Opera, Safari & Co. gehen. Google hat aller­dings einen ent­schei­den­den Vor­teil gegen­über allen ande­ren Alternativ-Browsern: Reichweiten!

Wir erin­nern uns an die Brow­ser Wars 1.0: Micro­soft war die Ver­drän­gung des Net­scape Navi­ga­tor in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit nur mög­lich über seine unglaub­li­che Markt­macht im Bereich Betriebs­sys­te­men und damit Reich­weite. Google hat eine ver­gleich­bare Mono­pol­stel­lung im Bereich Search und wird diese mit Sicher­heit zu Nut­zen wissen.

Schreibe einen Kommentar

Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Comments will be sent to the moderation queue.