Browser Wars 2.0
Die Silberrücken unter uns werden sich vielleicht dunkel erinnern:
Irgendwann Ende der 90er wurde der Quasi-Standard unter den Webbrowsern — der Netscape Navigator — fast über Nacht von Microsofts Antwort Internet Explorer aus dem Markt gefegt. Freilich wurde hier von Seiten Microsofts nicht immer mit Wattebäuschchen geworfen — möglichst hohe Hürden für alternative Browserhersteller wurden aufgestellt, gleichzeitig aber auch der eigene Browser weiterentwickelt, und so hielt sich dieser auch bis heute trotz erstzunehmender Konkurrenz bei etwa ¾ Marktanteil. Der Disput ging als “Browserkrieg” in die Annalen ein.
Und so ist es auch nur logisch, daß nach der meiner Meinung nach gelungenen Version 3 des größten Wettbewerbers Mozilla Firefox mit ca. 20% Marktanteil, Ende des Jahres der IE 8 erscheinen soll.
Neu in dieser Version soll u. A. der sogenannte “InPrivate-Browsing-Modus” sein, einer Art Datenschutz-Modus, in dem kein Verlauf und keine Cookies gespeichert werden sollen. In Sachen Datenschutz natürlich eine tolle Sache, da muss sogar ich zustimmen. Für Datenkrake Google allerdings ein Schlag ins Gesicht.
Auch Online Marketer wird diese Neuerung vor massive Probleme stellen. So sind die allermeisten Tracking-Systeme, die die Grundlage von Maßnahmensteuerung und –messung, und letztlich auch der Abrechnung bilden, hauptsächlich Cookie-basiert. Insbesondere performance-orientierten Bereichen wie dem Affiliate-Marketing wird diese Neuerung Bauchschmerzen bereiten. Alternative Tracking-Lösungen sind gefragt, Markus nennt hier beispielsweise Techniken wie Flash-Cookies oder Local Shared Objects.
Zwar wird es wohl auch im “InPrivate-Browsing-Modus” Session-Cookies geben, so daß zumindest direkte Conversions weiterhin gemessen werden können, sämtliche Post-Orders jedoch werden nicht mehr zugeordnet werden können, je nach Branche ist deren Anteil auch nicht unerheblich. Wo kein Cookie jedoch, da keine Vergütung. Merchants werden diesen Umstand künftig wohl auch bei ihrer Konditionsgestaltung berücksichtigen, Affiliates ihre Ausrichtung entsprechen anpassen müssen.
Doch das Google-Imperium schlägt zurück. Vielleicht nicht unbedingt als direkte Antwort auf den Internet Explorer 8, vielmehr in Form eines Angriffs auf Microsoft an allen Fronten, selbst auf ihren bislang kaum erschütterlichen Kernbereich — Windows. “Aus Versehen” erreichte Blogoscoped gestern eine Mail von Google mit einem Comic der ein Produkt names “Google Chrome” vorstellt — den Google Browser!
Die Gerüchteküche brodelte freilich schon länger dahingehend, und wer Googles Allmachtsanspruch kennt, weiß daß der Support für den Firefox nur eine Zwischenlösung gewesen sein konnte. So fiel ich allein ob der Meldung nicht direkt vom Hocker, viel interessanter finde ich die vorgestellte Architektur des Browsers:
Neben den für Browsern heute üblichen Sicherheits– und Usability-Funktionalitäten läuft jedes Tab in einem eigenen Prozess, auch JavaScript wurde grundlegend überarbeitet und erhielt eine eigene Virtual Machine genannt “V8”. Beides ermöglicht ungekannte Stabilität und hohe Ausführungsgeschwindigkeit auch bei sehr komplexen Ajax-Anwendungen, wie sie beispielsweise in Google Docs — der Antwort auf Microsoft Office — und etlichen anderen Google-Diensten zum Zuge kommen. Zusammen mit Breitband-Internetanschlüssen ermöglicht Google Chrome damit künftig völlig plattformunabhängige Software. Egal ob auf dem heimischen Windows-Notebook, dem Linux-Rechner im Büro oder unterwegs mit dem Google-Android-Handy — überall dieselbe Oberfläche, dieselbe Software, dieselben Daten. Verfügbarkeit jederzeit und überall, ein schlankes Betriebssystem und Google Chrome würden genügen. Die Zielrichtung ist klar: Microsoft auch hier das Wasser abgraben und gleichzeitig noch mehr User-Daten sammeln. Ein für mich bislang wichtiger Punkt für ein Windows-Betriebssystem war immer der, daß viel Standard-Software eben nur auf Microsoft-Rechnern läuft. Habe ich das alles online zur Verfügung wäre es mir so ziemlich wurscht ob ich mir Windows, Linux oder MacOS auf die Platte spiele. Freilich werden große und komplexe Anwendungen wie Photoshop längst nicht so ohne Weiteres rein onlinebasiert laufen, zudem müssten auch die Hersteller von dieser Distributionsmöglichkeit erst noch überzeugt werden, die technischen Grundlagen sind mit Google Chrome aber geschaffen. Da es OpenSource ist, werden sich auch schnell Entwickler finden, die entsprechende Tools dafür entwickeln werden, Reichweiten und Marktmacht von Google werden ihr Übriges tun.
Was dann noch fehlt, ist die Google-Online-Festplatte, wie bei Android und Chrome brodelt jedoch auch hier die Gerüchteküche in Richtung eines GDrive schon seit Längerem. Ich würde darauf wetten, daß es nicht mehr allzu lange dauert, bis wir auch hier einen weiteren Schritt in Richtung Online-Betriebssystem und einem Google-für-alles-ausser-Sex erwarten dürfen.
So befürchte ich, daß auch ich mir heute Abend gg. 21 Uhr MESZ den neuen Google-Browser hier herunterladen werde. Leider.
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2 Kommentare
1.
Florian schrieb am 03. September 2008 um 18:57
Richtungsweisende Technologie hin, Bedenken um die von Google betriebene Datensammlung her, ich denke nicht, daß es Google gelingen wird sich mit Chrome signifikante Marktanteile zu sichern.
Die neuen Möglichkeiten überzeugen, nur nach dem Blick in die Statistik, über 40% benutzen immer noch den IE6 und insgesamt nutzen um die 80% einen Browser von Microsoft, zweifle ich an der Wechselwilligkeit der breiten Masse. Selbst Firefox tut sich außerhalb Deutschlands noch relativ schwer, da wird meist genutzt was vorinstalliert ist, fertig.
Im Gegensatz zu YouTube, das nach mäßigem Erfolg von Google Video aufgekauft wurde, bietet sich hier für Google nicht die Möglichkeit einfach die Konkurrenz zu kaufen wenn die Eigententwicklung nicht wie erwartet zündet. Aber spannend wird es auch jeden Fall trotzdem…
2.
kralle schrieb am 03. September 2008 um 21:06
Florian, bedingt stimme ich dir da sicherlich zu. Der Gewinn an Marktanteilen wird zunächst zulasten von Firefox, Opera, Safari & Co. gehen. Google hat allerdings einen entscheidenden Vorteil gegenüber allen anderen Alternativ-Browsern: Reichweiten!
Wir erinnern uns an die Browser Wars 1.0: Microsoft war die Verdrängung des Netscape Navigator in die Bedeutungslosigkeit nur möglich über seine unglaubliche Marktmacht im Bereich Betriebssystemen und damit Reichweite. Google hat eine vergleichbare Monopolstellung im Bereich Search und wird diese mit Sicherheit zu Nutzen wissen.