Es scheint wie die Fortsetzung der Talk– und Gerichtsshows vom TV ins Web. Der Mob hat sein Forum gefunden. Blogs, Produktbewertungen, Videos, Mitmach-Seiten — es wird gelästert, geschimpft, gelogen, betrogen, beledigt, gedisst.
Dabei feiert die Branche sich mal wieder selbst, erklärt “User generated Content” zur Zukunft des Internet. Verbaler Müll, geistiger Dünnpfiff und Rektal-Journalismus — da bleib ich lieber im Heute.
Die klassischen Medien, inklusive des Webs, hatten bis vor ein paar Jahren über viele Jahrhunderte eines gemeinsam — sie bestimmten die Meinung der Masse. Aber sie waren nicht die Masse, sie hatten also eine Verantwortung. Eine Verantwortung, derer sich die Meinungsmacher stets bewußt waren, und deshalb auch zu allen Zeit mißbraucht wurde — auch bis heute.
Da erscheint es geradezu revolutionär, geradezu ur-demokratisch, daß es jetzt plötzlich möglich sein soll, daß die Masse ihre eigene Meinung selbst bestimmt. Millionen Meinungen also, denen ursprüngliche journalistische oder akademische Methoden wie Recherchen, Quellen und Besonnenheit ein Fremdwort sind. Es wird veröffentlicht was medial dargestellt werden kann. Von Verantwortung kann gar nicht die Rede sein, der Fleischklumpen zwischen den Ohren hält nicht mal der Rechtschreibprüfung Stand.
Einen neuen traurigen Höhepunkt fand die Möglichkeit zur Jedermanns-Selbstdarstellung im heutigen Amoklauf in Finnland. Der Täter konnte seine Hasstiraden vorab ungehindert bei YouTube publik machen, sogar ein mörderischer Kurzfilm beglückte die Video-Community. Tragödien werden zum ungefilterten öffentlichen Spekatakel, heraufprovozierte Gegen-Meinungen inklusive. Nachrichten-Portale werden zu Sekundärquellen, geordnete und recherchierte Informationen zum Beiwerk für die Bildungsschicht. Die anschließende Verarbeitung findet nicht mehr in Kolumnen, Kommentaren und Lesermeinungen statt, sondern wird in offene Schlagabtausche in Internet-Foren und Blog-Kommentare verlagert. Fäuste raus, Köpfe sind zum Treffen da.
Auch die EU hat inzwischen erkannt, daß im vielgelobten Web 2.0 gar nicht immer so viel Lobenswertes stattfindet. Sogenannte Flogs, also gefakte Blogbeiträge, vorgetäuschte Kommentare und Rezensionen zum wirtschaftlichen Wohle und Unwohle sollen künftig hart geahndet werden. Schnell wird das Gespenst der Zensur und Meinungsfreiheit heraufbeschworen. Doch dient ein solcher Müll an Verbraucherinformationen und der Meinungsverfälschung wirklich der Meinungsbildung? Guerilla Marketing beinhaltet nicht umsonst Guerilla. Es herrscht Krieg im Online-below-the-line-Marketing, geschossen wird mit Fäkal-Wattenbäuschchen bis zum kollektiven Verbraucher-Kollaps.
Doch es gibt auch die öffentlichen Verbraucher-Meinungen. Unverfälscht bieten zahlreiche Plattformen jedem Test-Laien die Möglichkeit, seine geliebten und ungeliebten Produkte und Dienstleistungen in gewohnter Legasthenie zu bewerten. Während professionelle und renommierte Insitutionen mit wissenschaftlichem Aufwand versuchen ein möglichst neutrales Meinungsbild zu schaffen, vetraut die Userschaft lieber auf öberflächliche Eindrücke anonymer Benutzer.
Blogger ohne jeglichen Hintergrund werden allein aufgrund ihrer Fähigkeit WordPress zu installieren und zu bedienen zu den Helden des zweiten Internets. Und die Suchmaschinen honorieren es. Klar, schließlich ist ein Blogger immer einer von uns. Nicht so ein studierter Journalist, der sein Handwerk über Jahre hinweg lernen mußte. Nein, Blogger geben das wider was das Volk bewegt. Die Claudias und Jaquelines der Talkshows von gestern werden zu den Pro– und Alpha-Bloggern von morgen. Das interessiert die Masse, das interessiert die Suchmaschinen, das beleidigt jedoch meine Intelligenz.
Klar, die Suchmaschinen. Da war doch noch was, das ich tägliche mache. Ach ja, stimmt, Suchmaschinenoptimierung. Ja, auch ich habe dieses Phänomen erkannt, auch ich weiß um diese Gunst von Suchmaschinen, Linkgebern und letztlich auch Usern. Auch ich baue Yigg-Buttons ein und bin so geil auf Links wie die Guppys auf die Rotschwänzige in unserem Büro-Aquarium. Google macht uns zu Linkschlampen und Trafficnutten, die eben das machen was funktioniert und was am Ende des Tages Geld bringt.
Leider brachte diese Geilheit in den jüngsten Tage bei so Manchem SEO mehr Beachtung als echte Ehr. Schließlich bringt ein Liebhaber-Blog mit lesenswerten Artikeln über den südschwedischen Grünschwanz-Buntfalter deutlich weniger Backlinks und Digg-, Yigg– und SEOigg-Punkte, als das Dissen von Kollegen.
Also zurück zum Ur-Prinzip der reinen Blog-Funktionalität, und jegliche Selbstansprüche über Bord. Um Links wird unter SEOs schließlich gebuhlt wie einst um die Blicke der koketten Blondine auf dem Schulhof. Ich werde verlinkt, also bin ich.
Ausgegangen von einem nicht ganz unbegründeten Blog-Beitrag eines Optimierers unter weiß-blauem Firmament über die Verkommung von SEO zum mißkreditierenden Allerwelts-Hobby, begannen plötzlich die Fingerzeig-Kommentare auf diesen und jenen Schreiber, der den Erfolg auch noch ausgerechnet im vielbeschworenen Web Zwonull suchte, und beim Stricken vielleicht besser auf Schurwolle als auf Theorien zurückgreifen sollte. Abstruse Kommentare und Beiträge wechselten die Feed-Reader, und am Ende haben alle an Links gewonnen — und an Glaubwürdigkeit verloren.
Weiter ging’s mit einem von mir eigentlich geschätzten Blogger, der schon vorab integriert war, und in der nächsten Kurve falsch abbog anstatt zu Bremsen. Unüberlegtheit, und eine berechnende Hoffnung auf Links verleitete ihn und weitere Blogger zum reinen Link-Selbstzweck zu verkommen.
Deutschland sucht den Superbait. In der Jury: Google, Yahoo und Microsoft. Verlinkt — und damit gefunden — werden nicht die wichtigen Informationen dieser Welt, sondern das, was am Meisten Aufmerksamkeit erregt. Wunderbare Strategie. Wir erhöhen den Traffic und reduzieren die Qualifizierung im gleichen Atemzug. Es wird viel geblasen und gespuckt, mit Medium hat das Ganze nur noch wenig zu tun.
Es erscheint geradezu als ob Henry Fords Aussage immer noch in den Köpfen herumspukt:
Wenn eine Ente ein Ei legt, dann tut sie das still und zurückgezogen in einem Busch. Wenn jedoch ein Huhn ein Ei legt, so gackert es laut und flattert herum.
Und der Erfolg? Die ganze Welt isst Hühnereier!
Doch Sozial Media Optimization — SMO — befriedigt nicht das User-Interesse, sondern dessen Neugier. Schon der Einzelhändler weiß, daß nicht Neugier Umsatz generiert, sondern echtes Interesse.
Aber Neugier bringt uns wieder zurück auf die Bäume. Zumindest auf die mit Blick zum Nachbars-Schlafzimmer. Immerhin ist es interessanter über dessen Bettwäsche zu lästern, als die Eigene zu verkaufen. Das bringt Traffic, das bringt die Neandertaler, aber das bringt keine Kunden.
Genau genommen ist auch dieser Beitrag eine neandertalische Brautschau, inkl. Yigg-Prostitution. Jeder Link, jede Yigg-Stimme führt diese Diskussion ad absurdum. Also zu was soll ich aufrufen? Nofollow-Links? Yigg-Button ignorieren? Steht mir das als Index-Schlampe überhaupt zu, schließlich bewege ich mich auf demselben Terrain? Natürlich, auch ich teste und prüfe diverse virale Möglichkeiten, ich bin ja kein SEO-Demagoge.
Und doch habe ich bewußt auf Links in diesem Beitrag verzichtet, noch mehr Öl im Feuer muß nicht sein.
Oder wie es Faust gesagt hätte:
Da steh’ ich nun, ich armer Thor, und bin als klug als wie zuvor.
Also was ist das Fazit der Erkenntnis? Zumindest die verantwortungsvolle Aufgabe der Suchmaschinen wird es sein, Inhalte nicht nur aufgrund von äußeren Begebenheiten (Links, HTML-Code usw.), sondern letztlich auch nach Qualitätsprinzipien zu beurteilen. Und eben nicht jeden Blog oder offensichtlichen Linkbait in die Top 10 zu spülen. Nicht der Stärkere sollte zählen, sondern der Bessere.
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